https://www.facebook.com/regiowein

Startseite Tagesprogramm Eintrittspreise Hallenübersicht Wetter Anfahrt Kontakt RAM Regio Mainz

Jetzt mal ehrlich...

Herbert Egner schenkt reinen Wein ein – Thema: Weintrinken

Herbert Egner

Herr Egner, sie sind rheinhessischer Kultur- und Weinbotschafter, außerdem Weinberater – Weintrinken ist also eine Ihrer Kernkompetenzen: Über Wein wird viel philosophiert, man unterscheidet Weine nicht nur der Farbe, Rebsorte und Region nach, womöglich noch nach der Lage, sondern auch nach Qualitätsstufen, Pfirsich-, Kirsch und "Sonstwasnoten" auf Zunge und Gaumen: Ist Weintrinken nur etwas für Experten?

Nein! Weintrinken ist für jedermann und jede Frau. Die Altvorderen sagen: Es gibt nur zwei Sorten Wein. Einen der schmeckt und einen, der mir nicht schmeckt. Das wichtigste beim Weintrinken ist, dass jeder „seinen Geschmack“ findet und diesen auch für sich akzeptiert. Man sollte nicht irgendeinem Weinpapst folgen, dem Mainstream oder dem Ehepartner.

Täuscht der Eindruck oder sind es eher Männer die gerne auch mal ungefragt ihre Weinexpertise zum Besten geben?

Ja – tendenziell kann man sich dieser Behauptung wohl anschließen. Das ist aber eher ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass Männer gerne mal nach vorne preschen – wobei es Ausnahmen gibt, auch bei den Frauen. Aber tendenziell kann man sagen: Die Männer äußern sich früher – und wenn dann mal eine Meinung im Raum steht, ist es vielleicht insbesondere für viele Frauen schwieriger dagegenzuhalten, den eigenen Geschmack zu kommunizieren. Das ist übrigens etwas, wozu ich immer aufrufe: Den eigenen Sinnen nachzuspüren, sich eine eigene Meinung zum Wein bilden und dann auch bei dieser Meinung zu bleiben, sie auch mal aktiv zu vertreten. Das gilt aber nicht nur für den Wein, sondern auch für alle anderen Lebensbereiche. (Das wird den Männern nicht gefallen, aber biologisch haben die Frauen den besseren und sensibleren Geschmackssinn.)

Eine schöne Geschichte in „Schluck – Das anstößige Weinmagazin“: Eine Weinhändlerin berichtet, dass gut die Hälfte ihrer Kunden mit der Bemerkung zu ihr kämen, eigentlich hätten sie von Wein ja „gar keine Ahnung“. Damit aber, sagt sie, würde sich ihr Sortiment von fünfhundert auf fünf „Blockbuster-Weine“ reduzieren und meist ende die Beratung dann mit einem Weißburgunder aus der Pfalz, der „Missionarsstellung unter Deutschlands Weißweinen“. Wie beschreibt man aber seine Vorstellungen, wenn man noch nie einen Hauch von Pfirsich Kirsche oder Mineralien in seinem Wein erkannt hat?

Zunächst einmal sollte die Grundaussage sein, ob einem der Wein schmeckt, aufgrund der eigenen geschmacklichen Wahrnehmung, aufgrund der eigenen Nase. Das meiste wird sinnlich, nämlich über die Nase wahrgenommen, gerochen. Die geschmackliche Wahrnehmung im Mund ist: bitter, salzig, süß, sauer. Die Duftstoffe aber riechen wir natürlich, auch wenn wir sagen, es schmeckt zum Beispiel nach Pfirsich. Zunächst einmal muss der Wein schmecken. Dann stellt man fest: Ist der Wein für mich persönlich bekömmlich. Wenn jemand einen säureempfindlichen Magen hat, auf Weinsäure etwas empfindlich reagiert, dann stellt er fest: Den Wein vertrag ich gut oder weniger gut. Dann greift man eben auf etwas säureärmere Rebsorten zurück, wie etwa auf den Grauburgunder und andere Burgundersorten, Rivaner oder Merlot. Die Bekömmlichkeit ist also das zweite Kriterium.

Dann erst nähert man sich den Aromen. Als Weinreferent kann ich Hilfestellung geben, kann Impulse geben: Der Riesling schmeckt säurebetont, nach Pfirsich, oder nach gelben Früchtearomen: Schauen sie doch mal, ob sie etwas entdecken in dieser Richtung. Ohne einen solchen Anstoß ist jeder Weinfreund, der sich noch nicht mit einer Weinbeschreibung befasst hat, völlig ohne Orientierung. Es ist daher die Aufgabe eines Weinreferenten oder Weinberaters eine gewisse Orientierung zu geben. Aber wenn der Kunde dann sagt: Danke für die Anregung, aber ich schmecke da jetzt keinen Pfirsich, für mich ist das Mirabelle – oder ganz etwas anderes, dann ist das auch richtig: Es sind „seine“ aromatischen Wahrnehmungen, „seine“ Geruchsempfindungen. Deshalb gibt es beim gleichen Wein viele Wahrheiten – die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Und das ist auch gut so.
 

Wenn Weinexperten zusammenstehen, dann kann man neuerdings beobachten, dass sie das Glas auf eine spezielle Art gehalten: Unterhalb des Stils trägt der angewinkelte Zeigefinger den Glasboden, während der aufliegende Daumen das Glas hält. Gibt es einen Weinkennergrund warum das Glas nicht einfach am Stil gehalten wird?

Grundsätzlich wird das Glas am Stil gehalten. Man kann es aber auch unter dem Stil, am Glasteller festhalten, wenngleich das dann vielleicht etwas – wichtigtuerisch aussieht. Aber auch da gilt die gleiche Toleranz unter Weinfreunden: Das kann jeder machen, wie er lustig ist. Fachlich, für die Weinbeurteilung spielt das keine Rolle. Wenn ich das Glas schräg halte, dann schaue ich, ob noch Trübstoffe im Wein sind, also ob er richtig filtriert wurde. Ich schaue, welche Farbe er hat, eher Zitronengelb oder ein volles, sattes Gelb. Man sollte das Glas nur nicht am Kelch festhalten, um den Wein nicht zu erwärmen. Auch Duftstoffe der Hand könnten die Wahrnehmung der Weinaromen beeinflussen.

Und was hat es mit den Kirchenfenstern am Glasrand auf sich?

Das sind die sogenannten gotischen Fenster. Wenn man das Glas, beispielsweise mit einem jungen, frisch abgefüllten Silvaner, schräg hält und es wieder aufrichtet, dann fließt der Wein eher ausgefranst, also ohne Ränder am Glas entlang. Habe ich einen Silvaner im Glas, der schon zwei, drei Jahre in der Flasche gereift ist, dann sehe ich die Kirchenfenster mit geschlossenen Rändern . Das liegt am hohen Oechslewert, also Zuckergehalt. An den Kirchenfenstern erkenne ich, der Wein kann nicht mehr ganz jung sein, er hat schon einige Jahre auf dem Buckel, ist gereift und ich kann ihn jetzt gut trinken – und er sollte dann auch getrunken werden, zumindest gilt das für den Silvaner.

Das Gleiche gilt natürlich auch für Riesling, Grauburgunder und so weiter. Junge Weine sind nicht so kompakt. Es sei denn, ich nehme eine junge Huxelrebe oder andere edelsüße Weine. Die haben schon bei der Ernte einen hohen Oechslewert, jenseits von hundert. Da zeichnen sich auch schon bei einem jungen Wein gotische Fenster am Glas ab. Kirchenfenster kennzeichnen also auch die Qualität des Weins. Diese können also zur Beurteilung der Qualität, des Alters und der Konsistenz des Weines herangezogen werden.

Wenn ich allerdings nur das Glas anschaue, ohne zu riechen und zu schmecken, dann ist es schwer das Alter des Weins zu bestimmen. Man sollte diesen Effekt immer in Zusammenhang mit der Rebsorte, dem Geschmack und dem Restzuckergehalt sehen und beurteilen.

Insbesondere beim Rotwein wird gerne der Abgang beschworen. Wenn Weinkenner den Rotwein aber nach dem Probieren ausspucken, wie können sie dann den Abgang beurteilen?

Den Abgang kann man dann eventuell hochrechnen. Man kann also sagen: Okay, ich habe jetzt schon so viele Aromen im Mund, da wird es wohl auch einen satten vollen Abgang geben. Aber um den Abgang vollständig bewerten zu können, muss man schon ein Schlückchen runterschlucken. Nur dann kann man, gerade bei einem kräftigen Rotwein, diese insbesondere an kalten Tagen, angenehme Wärme spüren, wenn er so langsam über die Speiseröhre in den Magen gleitet und die Aromen nachklingen. Das kann man nur spüren und riechen, nicht hochrechnen.

Herr Egner, jetzt mal ehrlich: Kommt es vor, dass sie ihr Weinwissen beiseite legen und einfach nur mal analysefrei einen trinken?

Hundert Prozent richtig! Da werden Weine nicht bewertet, da kommt es auf die Geselligkeit an. Das einzige was ich immer sofort wahrnehme ist: Hat der Wein einen Fehlton und schmeckt er mir, ist er bekömmlich. Das nehme ich intuitiv wahr. Wie anderen Weinfreunden auch, muss er mir einfach nur schmecken. Dann wird erzählt und gelacht, zugehört und es entsteht viel Lebensfreude in der geselligen Runde – das steht dann im Vordergrund.

Letzte Frage an den deutschen Weinberater: Welche Weine aus den anderen fünf Weinregionen Pfalz, Rheingau, Nahe, Mittelrhein und Mosel sollte ein Rheinhesse auf der RegioWein unbedingt mal probieren?

Ein Rheinhesse sollte unbedingt aus jeder Region einen Riesling probieren und dann vergleichen. Der Riesling ist die Rebsorte, die den Charakter und die Mineralität des Bodens auch für den Laien sofort erkennbar werden lässt. Man kann über den Riesling relativ schnell erfassen, auf welcher Bodenart die Rebe wächst und wo er ungefähr herkommt.