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Jetzt mal ehrlich...

Ernst-Peter Schilling schenkt reinen Wein ein – Thema: Regionale Unterschiede

Ernst-Peter Schilling

Herr Schilling, Ihr Weingut ist in Mainz-Kostheim und Kostheim liegt im Rheingau, also auf der „falschen Rheinseite“, wie viele Rheinhessen sagen. Das sehen Sie wahrscheinlich ganz anders. Was unterscheidet die Weinregion Rheingau von Rheinhessen und was ihre Weine?

Wir sind schon mal deutlich kleiner, sieben Mal kleiner als der rheinhessische Bruder. Das größte Anbaugebiet Deutschlands ist Rheinhessen. Der Rheingau, mit 3000 Hektar ist natürlich wesentlich kleiner und – na ja, ich sag mal: vielleicht ein klein wenig traditioneller aufgestellt. Wir beschränken uns mit 80 Prozent Riesling und dem Rest Spätburgunder auf zwei traditionelle Rebsorten, die bei uns angebaut werden. Das ist aber auch klar, weil die Bedingungen halt optimal sind für diese beiden Rebsorten: Wir haben kalkhaltigen Boden, wir haben den langen Taunus, der den kalten Nordwind abhält, wir haben einen ziemlich frühen Vegetationsstart, was ideal ist für diese spät reifen Rebsorten. Warum also sollten wir den Riesling nicht, wenn er hier gut wächst, auch anbauen – und natürlich auch gut verkaufen können? Der Riesling ist momentan hipp. Das sieht man auch an den Anpflanzungszahlen in Rheinhessen, auch dort wird, Riesling, Riesling, Riesling angebaut – weil die Welt ihn halt möchte.

Ohne dies mit einer umfassenden Studie belegen zu können, der Rheingauwein ist im Schnitt etwas teurer als der rheinhessische. Wieso?

Das liegt vielleicht an der kleinen Strukturierung in unseren Betrieben. Wir sind von der Betriebs- und Flächengröße her wesentlich kleiner. Unsere Familienbetriebe sind durchschnittlich 5 bis 6 Hektar groß und in Rheinhessen können sie ohne Probleme 10 Hektar dazu zählen. Es gibt halt auch weniger Beschränkungen in Rheinhessen. Bei uns beschränkt erst der Taunus, dann kommt der Rhein und dann ist Schluss. In Rheinhessen gibt es nicht so viel Wald. Da kommt mal ein kleiner Hügel, dann kommt der nächste und dann kommt Ackerland. Auf der Hochfläche ist Acker und auf der Hanglage sind Weinberge. Und irgendwann mal sind auch aus der Flachlage Weinberge geworden – nachdem die Weinpreise höher lagen als die Weizen- und die Rübenpreise. All das war im Rheingau nicht möglich: Auf der einen Seite ist der Rhein, auf der anderen der Wald.

Die Weinpreise entstehen also mehr aus einer Aufwandskalkulation als aus qualitätsbedingten Marktchancen?

Guter Wein wächst immer im Hang. Es gibt einen alten Spruch: Wo der Pflug kann gehen, da soll kein Rebstock stehen. In Hanglagen wachsen nun mal die besseren Weine als in Flachlagen. Ein Weinberg liebt magere Böden und da die Böden am Hangfuß meist etwas fetter sind, als im Hang, ist der Wein in Hanglagen eben auch besser.

Dafür ist die Bewirtschaftung in Flachlagen deutlich leichter als in Hanglagen oder in Steillagen. Es kommt immer darauf an, welche Qualitätsphilosophie angelegt wird. Im Rheingau wird sehr viel privat verwirtschaftet: Die Winzer haben ihre Straußwirtschaften, ihre Privatkunden – die Winzer im Rheingau füllen schon ewig Ihre Flaschenweine, was in Rheinhessen lange nicht so war. Rheinhessen ist vor allem Lieferant für große Kellereien. Ich vermute die meisten rheinhessischen Weine gehen immer noch in die großen Kanäle der Lebensmitteldiscounter und großen Kellereien. Diese brauchen allerdings auch entsprechende Mengen und die können wir im Rheingau nicht liefern.

Der Rheingau ist qualitativ hochwertig, was auch mit der Güteregelung zu tun hat. Es ist halt ein Unterschied ob ich vom Hektar 6.500 Liter ernte oder über 12.000 Liter, das ist natürlich eine ganz andere Kalkulationsfrage. Bei unserer kleinen Strukturierung habe ich natürlich ganz andere Erzeugungskosten, als bei großen Weinbergen, wo fast alles mit der Maschine gemacht werden kann. Man kann zwar auch bei uns fast alles maschinell machen, aber wir haben ganz andere Rüst- und Wendezeiten und deshalb ist es im Rheingau teurer, Wein zu produzieren.

Dem Kunden könnte der Aufwand aber doch egal sein – oder schmeckt man diesen Mehraufwand?

Unsere Rieslinge sind sicher einzigartig. Wir sind zum Teil etwas filigraner, etwas rebsortentypischer. Es ist natürlich immer auch Geschmackssache und es kommt ganz sicher auch auf den Winzer an, aber unsere Rieslinge sind – meine ich – etwas breiter gefächert. Mir sind sie in Rheinhessen zu cremig, zu weich und manchmal sogar etwas nichtssagend. Das ist natürlich nicht bei jedem Wein so, aber wenn im großen Stil produziert wird, dann ist das so. Klar gibt es in Rheinhessen Top-Winzer, die super Rieslinge machen – da müssen wir gar nicht drüber reden. Es gibt insbesondere an der Rheinfront Rieslinge, die den Rheingauern schon sehr ähnlich werden – aber da ist schon noch ein kleiner Unterschied. Der Rheingau war schon immer ein Anbaugebiet für den Riesling und deshalb haben wir auch die lange Erfahrung.

Die Hochschule in Geisenheim liegt im Rheingau und hat in der Welt des Weins einen hervorragenden Ruf. Über die Rheingauer Winzer hört man aber in den letzten Jahren immer wieder, sie hätten sich vielleicht doch etwas zu sehr auf ihren Lorbeeren als Top-Weinregion ausgeruht. Wie passt das zusammen – oder ist das nur "rheinhessisches" Gebabbel?

Das ist, glaube ich, eher rheinhessisches Gebabbel. Wir mussten schon immer guten Wein machen, um ihn auch verkaufen zu können. Es gibt genügend gute Weine links und rechts des Rheins und auf der ganzen Welt und wenn man sich ausruht und nichts macht, kann man seinen Wein nicht verkaufen. Wir müssen uns schon ein wenig strecken – aber der Konsument wünscht das ja auch. Er muss auch ein wenig bearbeitet werden, damit er sich für die Region Rheingau und deren Weine interessiert.

Aber richtig ist auch, wir haben nicht die Werbegelder, wie die Rheinhessen. Da drüben stehen 27.000 Hektar und für die zahlen die Winzer Werbeabgaben. Im Rheingau sind es 3.000. Dass unsere Gebietsweinwerbung mit einem vergleichsweise kleinen Budget arbeiten muss, ist doch klar. Wenn ich da nur an die Stände auf der ProWein denke (Anmerkung RegioWein: weltweit Leitmesse in Düsseldorf für den Wein-Fachhandel), da ist bei uns dann schon alles etwas schnuckeliger. Ich finde, im Rahmen der Möglichkeiten, die wir haben, machen wir das ganz gut. Was nützt letztendlich ein großes Plakat, wenn der Wein nicht schmeckt?

Außerdem: Fragen sie mal die Betriebsinhaber in Rheinhessen, wo sie ihr Weinbaustudium gemacht haben. Ein Großteil wird sagen, wir waren in Geisenheim. Wenn sie irgendwo in der Welt als Kellermeister oder Weinbautechniker auftauchen, wird immer gefragt: Waren sie auch mal in Geisenheim? Geisenheim ist eine der besten Hochschulen der Welt und Geisenheim wird dem Ruf auch gerecht.

Herr Schilling, jetzt mal ehrlich: Trinken Sie manchmal heimlich Rheinhessenwein?

Ei logisch. Wir haben ja Verwandte in Rheinhessen, die auch Winzer sind. Damit habe ich kein Problem. Mein Vater kam aus Rheinhessen und hatte einen Weinbaubetrieb, meine Oma kam aus Rheinhessen und hatte einen Weinbaubetrieb, meine Onkel auch – wir haben viele rheinhessischen Wurzeln. Und ich trinke auch gerne mal einen Silvaner oder einen reinsortigen Müller-Thurgau.

Welchen Ihrer Weine sollte man unbedingt mal probieren, warum und was kostet er?

Vielleicht den Kostheimer Weiß-Erd „Elegantia“ Riesling, trocken von 2015. Den habe ich auch auf der RegioWein. Er kostet 5,50 Euro. Bodenart ist gleich Lagenname, weißer Kalkmergelboden – da werden sie mal schmecken, wie sanft, zart und feingliedrig ein Rheingauer Riesling sein kann.