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Jetzt mal ehrlich...

Wolfgang Hubert schenkt reinen Wein ein – Thema: „Weingenuss“

Wolfgang Hubert (Bildquelle: Roland Kretschmer)

Herr Hubert Sie sind Chefredakteur von „Selection – Das Genussmagazin“. Sie helfen Ihren Lesern Genuss zu finden, nicht nur, aber vor allem wenn es um Wein geht. Wie kommt man am besten von: „Ich habe keine Ahnung von Weinen.“, zu: „Wenn ich mal einen Wein so richtig genießen will, dann hole ich mir einen…“?

Wenn Sie einen Wein richtig genießen wollen, dann ist erst einmal die Frage, was Sie normalerweise trinken, auf was Sie Lust haben: Auf einen trockenen Wein, eher halbtrocken oder mit viel Süße? Welche Geschmacksrichtung soll es sein? Soll der Wein Tannin, also Gerbstoffe haben, eher säurebetont sein oder haben Sie vielleicht einen empfindlichen Magen und wollen eher einen säurereduzierten Wein? Das ist sicher die Hauptschwierigkeit beim Weinkauf. Wenn jemand zu mir sagt, ich mag keinen Wein, der schmeckt mir einfach nicht, dann bin ich der Meinung, er hat einfach noch nicht den richtigen Wein gefunden.

Am besten ist daher probieren – viel probieren. Dafür geht man entweder auf Endverbrauchermessen, auf denen Weine ausgestellt werden, wo man einfach mal nach Lust und Laune reinschnuppern und probieren kann oder aber in Weinhandlungen und Wein-Fachgeschäfte, die Weine zur Verkostung anbieten. In einer Weinregion kann man natürlich auch von einem zum anderen Winzer gehen und probiert sich so langsam mal durch.

Geschmack ist also eine sehr individuelle Angelegenheit. Dennoch bewerten sie in Ihrem Magazin, ebenso wie Gault Millau, Eichelmann oder andere auch, Weine. Sie prämieren und empfehlen sie. Wie passt das zusammen?

Der individuelle Geschmack richtet sich nach den individuellen Vorlieben. Man kann darüber hinaus aber auch eine gewisse Geschmacksqualität feststellen: Der Wein ist kellertechnisch sauber, alles wunderbar verarbeitet, keine Gärfehler oder sonstige Weinfehler, die durchaus mal auftauchen können. Man kann auch sagen, der Wein ist sortentypisch, zum Beispiel ein schöner, feinfruchtiger Riesling, mit einer ordentlichen Portion Säure, die der Rebsorte eben zu eigen ist. Oder es handelt sich um einen im Barrique ausgebauten Wein, der optimal die Holznoten des Holzfasses mit der Weinstruktur verbindet. Solche Merkmale beispielsweise kann man durchaus bewerten.

Nicht bewerten kann ich natürlich, ob der Wein auch Ihnen oder Ihrer Frau schmeckt. Wenn mir jemand sagt, der Wein ist toll, der hat irgendwo 95 von 100 Punkte in einer Bewertung bekommen, dann heißt das noch lange nicht, dass dieser Wein auch meinen persönlichen Geschmack trifft.

Welche Chancen hat man, ohne Ihre Hilfe oder die anderer Weinexperten, auch ohne Weinliteratur zu wälzen, so etwas wie einen gesellschaftlich anerkannten Weingeschmack zu entwickeln?

Es gibt ja in jedem Bundesland einen etwas unterschiedlichen Weingeschmack: In Württemberg trinkt man andere Weine als an der Ahr oder in Baden. Wenn ich mich also auf mein Urteil verlassen und damit auf die Straße gehen will, dann sollte ich selbstbewusst genug sein, mich auf mein Geschmacksbild zu verlassen. Wenn ich davon überzeugt bin, dass meine Geruchs- und Geschmacksnerven gut funktionieren, dann kann ich auch auf der Rednerbühne sagen, der Wein schmeckt mir weil… .

Und welchen Anteil hat die Psychologie daran, dass ein Wein schmeckt? Etwa: „den trinkt auch mein Chef“, „der wird von Selection empfohlen“ oder auch: „der kostet schließlich 25 Euro“?

Das ist nicht zu unterschätzen. Es gibt sie ja wirklich, diese Etikettentrinker: Die trinken nur Weine mit großen Namen, weil der besonders teuer ist oder häufig gelobt wurde. Und zur Genusspsychologie, probieren Sie es selbst einmal aus: Wenn Sie beispielsweise jemanden sagen, der Wein duftet etwas nach Kirschen – was bei Rotweinen öfter vorkommt – dann kann es passieren, dass manche Menschen, obwohl kein Kirschgeruch festzustellen ist, tatsächlich der Meinung sind, Kirschen zu riechen.

Sie selbst trinken ja schon beruflich immer wieder hochdekorierte und teure oder sagen wir „gute“ Weine. Jetzt mal ehrlich: Schmecken Ihnen Weine für 3 Euro 50 überhaupt noch und wann haben Sie das letzte Mal einen Wein vom Discounter getrunken.

Oh, vom Discounter, das weiß ich jetzt gar nicht. Ich muss gestehen, natürlich trinke ich sehr gerne Weine die 95 und mehr Punkte haben. Aber wenn sie einen geselligen Abend ausrichten und servieren Wein, dann stellen sie irgendwann mal fest, von dem einen Wein wird mehr getrunken, als von einem anderen – und das muss nicht immer der teuerste Wein sein. Es ist bei solchen Geselligkeiten oft so, dass man von leichteren Weinen, die nicht so alkoholschwer sind und auch vom Geschmack her nicht so kraftvoll – etwa ein einfacher aber guter Riesling, ein Grauburgunder oder ein Grüner Veltliner – im Laufe eines Abends dann schon mal ein Gläschen mehr trinkt. Er kommt einem einfach nicht so schwer vor und belastet die Geschmacksnerven nicht so stark. Von einem intensiven Gewürztraminer dagegen ist es schon etwas schwieriger eine ganze Flasche zu trinken. Weingenuss hat nicht unbedingt immer etwas mit dem Preis zu tun, sondern vor allem mit dem Anlass.

Welchen Wein aus einer der RegioWein-Regionen Pfalz, Rheinhessen, Rheingau, Nahe, Mittelrhein und Mosel sollte ein Weininteressierter unbedingt mal probieren und was muss er ungefähr dafür ausgeben.

Das kommt natürlich immer auch auf den Winzer an und auf den eigenen Geldbeutel. Ich kenne aber auch Leute, die verdienen sehr viel Geld, sagen aber: Mehr als 10 oder 15 Euro pro Flasche gebe ich grundsätzlich nicht aus. Gut, muss man akzeptieren, das ist die persönliche Genussphilosophie.

Prinzipiell kann man aber sagen, bei Weinen unter 3 Euro wird es zumindest schwierig. Da muss man schon viel Glück haben, etwas zu finden, was einem längere Zeit Spaß macht, einen Wein, den man mal nachkauft und seinen Freunden oder auch mal dem Vorgesetzten anbieten will. Wenn man nur ein wenig mehr ausgibt, schmeckt man schnell die Unterschiede.

Riesling, Silvaner, Grauburgunder, Müller-Thurgau beziehungsweise Rivaner, das sind Weine, die sollte man sich in jedem Fall mal gönnen. Wenn man etwas mehr Wert auf Geschmacksintensität legt, Scheurebe, Sauvignon Blanc oder – um mal eine Rebsorte zu nennen, die ganz langsam wieder mehr geschätzt wird, der Gewürztraminer. Da gibt es schon tolle Sachen. Einfach mal nach Lust und Laune reinriechen. Meist weiß man dann schon sehr schnell: Oh das ist jetzt aber überhaupt nicht meins. Dann muss man ihn auch gar nicht erst trinken, weil besser schmecken wird er einem dann meist auch nicht.

Bei den Rotweinen sollte man unbedingt einen Spätburgunder probieren oder, wenn es geht, einen Frühburgunder. Das ist allerdings eine eher rare Sorte. Man kann aber durchaus auch mal einen deutschen Cabernet oder Merlot probieren. Der Spätburgunder ist aber natürlich die klassische deutsche Rotweinsorte und hat auch weltweit ein recht hohes Renommee.

Es gibt auch einige Dornfelder oder sogar Portugieser Rotweine, die schmecken wirklich toll, aber da muss man schon Glück haben, dass man einen Winzer erwischt, der hinter dieser Rebsorte steht und sie nicht deshalb anbaut, damit er für Kunden, die mal schnell einen Liter Wein für 1,90 Euro einkaufen wollen, etwas im Keller hat.

Jetzt haben Sie aber fast alle gängigen Weine genannt. Könnten Sie aus den RegioWein-Regionen einen Favoriten herauspicken?

Nehmen wir mal die Scheurebe. Das ist etwas für Leute, die einen vollen Weingeschmack lieben. Insofern kann ich nicht sagen, geh auf die Messe und probier´ mal eine Scheurebe oder einen Sauvignon Blanc. Das sind schon etwas zugespitzte Weine, die ein gewisses Geschmacksbild bedienen. Wenn ich etwas wirklich nicht mag, dann kann man mir noch so sehr einreden "Probier´ mal" – dann mag ich es nicht.

Aber wenn man etwas mehr Geschmacksintensität bevorzugt, unbedingt Scheurebe – ganz klar! Vielleicht aber auch einen gut gemachten Bacchus oder einen Gewürztraminer. Das sind Weine, die sind wirklich präsent im Mund, aber auch in der Nase. Scheurebe ist ein Wein, der momentan in Deutschland wieder im Kommen ist. Die Sorte war lange Zeit ein wenig verrufen, so wie der Gewürztraminer oder teilweise auch der Bacchus – ein „No-Go-Wein“. Jetzt aber entdeckt man wieder, dass solche Bukettsorten ihre Reize haben.

Ganz anders verhält es sich mit der momentanen Sauvignon-Blanc-Mode, die mich ein wenig an den Chardonnay- oder den italienischen Pinot Grigio-Hype früherer Zeiten erinnert. Da meinte jeder, er müsse diese Weine trinken, weil es eben ein Trend war – und nach kurzer Zeit hat man dann auch schon mal Sachen bekommen, die eigentlich ungenießbar waren. Formulieren wir es einmal anders. Es gibt Bäcker, deren Brötchen herrlich schmecken und es gibt aber auch Bäcker, die nur deshalb Brötchen im Sortiment haben, weil man sie gut verkaufen kann.